Bericht zu Projekt:

Eine zweite Chance für Suchtkranke

In der christlichen Einrichtung „Teen Challenge“ im niedersächsischen Walchum leben Männer mit Suchtproblemen. Dort lernen sie, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen.

15/09/2026
Bei Teen Challenge im Emsland finden Männer mit Suchtgeschichte Halt, Gemeinschaft und neue Hoffnung. Die von der Stiftung Christliche Medien gespendete „Bibel für die zweite Chance“ verbindet biblische Texte mit seelsorgerlichen Impulsen und praktischen Hilfen. Für Daniel und Rainer wird sie zu einem wichtigen Begleiter auf dem Weg aus der Abhängigkeit – und zu einer Erinnerung daran, dass bei Gott niemand verloren ist.

IDEA-Redakteurin Erika Weiss hat die Einrichtung "Teen Challenge" besucht und folgenden Bericht geschrieben:

Der Weg zu „Teen Challenge“ führt vorbei an Feldern, Wiesen und Höfen. Irgendwo im Nirgendwo, zwischen Papenburg und Meppen, unweit der niederländischen Grenze, liegt der abgelegene Hof. An diesem Ort scheint die Welt mit ihren Problemen weit weg zu sein. Doch die Männer, die hier leben, haben ihre Probleme mitgebracht.

Drei von ihnen sitzen an diesem sonnigen Julitag zur Morgenandacht im Gemeinschaftsraum. Vor ihnen stehen Kaffeebecher, liegen Sonnenbrillen, Notizhefte – und zwei Exemplare der „Bibel für die zweite Chance“, gespendet von der Stiftung Christlicher Medien (SCM). Die Ausgabe verbindet biblische Texte mit seelsorgerlichen Impulsen und praktischen Hilfen zur Überwindung von Sucht.

Am Kopf des Tisches sitzen Jochen Roth (54) und Sandra Neubacher (50), zwei von insgesamt fünf Mitarbeitern bei Teen Challenge in Walchum. Beide kennen Sucht und seelische Not aus ihrem eigenen Leben. Roth ist trockener Alkoholiker, Neubacher hat eine langjährige Essstörung überwunden.

An diesem Morgen leitet Roth die Bibelarbeit. Es geht um Apostelgeschichte 8,9–25 – die Geistestaufe. Es gibt einfachere Themen. Doch Roth kennt seine Gruppe: Die Klienten sind in Kirchen aufgewachsen, kennen die Bibel gut. Routiniert blättern sie sich durch verschiedene Textstellen.

Es begann mit einem Schmerzmittel

Einer der Klienten ist Daniel (Name von der Redaktion geändert). Der 33-jährige Krankenpfleger ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. Aufgewachsen ist der Russlanddeutsche in Cloppenburg in einer streng-konservativen Freikirche. In Gott sah er in erster Linie den strengen Richter. Bis heute spürt er seine Gemeinde-Prägung. Doch jetzt, auf dem Hof im Emsland, beginne sich sein Blick auf Gott langsam zu verändern.

Seine Sucht nahm seinen Anfang, als er 20 Jahre alt war. Wegen einer Hüfterkrankung verschrieb ihm der Arzt das Schmerzmittel Tilidin. Daniel nahm es nach Packungsanweisung. Doch bald schätzte er die Wirkung, die über die Schmerzlinderung hinausging: Er spürte Euphorie, war leistungsfähiger. Er arbeitete in der Geschäftsführung eines Intensivpflegedienstes und half mit, den Betrieb aufzubauen.

Die Verantwortung wuchs, der Druck auch – und mit ihm der Konsum. Immer wieder versuchte Daniel aus eigener Kraft, den Konsum zu regulieren. Doch nach einem schweren Schicksalsschlag verlor er endgültig die Kontrolle. Irgendwann reichte die Wirkung der Tabletten nicht mehr aus, und Daniel nahm zusätzlich Kokain. In dieser Zeit lebte er getrennt von seiner Frau und kümmerte sich um eine seiner Töchter.

„Ich wollte so gern ein guter Vater sein“

Durch die Sucht verschuldete sich Daniel stark. Allein im vergangenen Jahr gab er rund 15.000 Euro für Kokain aus. Als seine Eltern und seine Schwester sahen, dass er seine Tochter nicht mehr gut versorgen konnte, zogen sie die Reißleine. Sie kündigten seine Wohnung, räumten sie aus und sagten ihm, er müsse eine Therapie machen – sie würden ihm den Rücken freihalten.

„Ich war richtig sauer auf sie“, erinnert sich Daniel. „Ich habe überlegt, den Kontakt abzubrechen und zu Bekannten nach Köln abzuhauen.“ Gleichzeitig wuchs in ihm der Wunsch, sein Leben wieder in Ordnung zu bringen. „Ich wollte so gern ein guter Vater, Ehemann, Sohn und Bruder sein.“

Da erinnerte er sich an Bettina Ratering, die Leiterin von Teen Challenge Deutschland. Sie hatte vor einigen Jahren die Arbeit der Organisation in seiner Gemeinde vorgestellt. Nachdem Daniel einen Drogenentzug gemacht hatte, ging er zu Teen Challenge. Seit April lebt er auf dem Hof.

In den Alltag finden

Acht Plätze gibt es in der Lebenshilfeeinrichtung. Der Alltag ist klar strukturiert: Frühstück, Andacht, Arbeit, Gespräche und gemeinsame Mahlzeiten. Die Männer halten den Hof in Schuss, übernehmen Dienste im Haus, kochen, putzen, mähen den Rasen. Außerdem bietet Teen Challenge externe Dienstleistungen an, etwa Umzüge, Gartenarbeit und Renovierungen.

Wer sich an die Regeln hält, erhält nach und nach mehr Freiheiten – etwa Telefonate, Spaziergänge im Umkreis von fünf Kilometern oder Besuche bei Angehörigen.

Herausfordernde Anfangszeit

Für Daniel war in den ersten Wochen vor allem das Zusammenleben mit den anderen Bewohnern schwierig. Manche von ihnen leiden zusätzlich unter psychischen Erkrankungen. „Als Krankenpfleger kann ich mit Patienten umgehen“, sagt er. „Aber mit ihnen zusammenzuwohnen, ist etwas anderes.“

Auch Rainer (Name von der Redaktion geändert) kennt diese Anfangsschwierigkeiten. Der 42-Jährige stammt aus Köln und lebt seit dem vergangenen September auf dem Hof. Er wuchs in einer katholischen Familie auf, später wechselten seine Eltern in eine Baptistengemeinde.

Seine eigene Suchtgeschichte begann mit jahrelanger Überforderung. Er ist Vater eines körperlich beeinträchtigten Kindes, war verheiratet und baute ein Haus für seine Familie. Er arbeitete in einem Baumarkt, zuletzt als stellvertretender Gartenabteilungsleiter. Nach Schichten von bis zu 16 Stunden wartete die Baustelle. Manchmal blieben ihm nur vier Stunden Schlaf.

„Es war viel – viel zu viel“, sagt er. Irgendwann begann er abends Alkohol zu trinken. Zunächst sei es ein Bier gewesen, um abzuschalten. „Ich mochte den Geschmack, ich konnte mich entspannen“, erzählt er. Doch aus dem einen Bier wurden mehrere.

„Ich gehe doch nicht auf einen Gnadenhof!“

Zudem litt Rainer unter Depressionen. Seine Ehe kriselte. Als seine Frau eine Fehlgeburt erlitt, verschlechterte sich die Situation weiter, und es kam zur Trennung. Rainer zog in ein Hotel – und trank dort exzessiv. An manchen Tagen waren es bis zu 15 Dosen Bier, dazu eine halbe Flasche Korn oder Wodka.

In dieser Zeit klingelte täglich sein Handy. Seine Mutter drängte ihn, einen Entzug zu machen und zu Teen Challenge zu gehen. „Ich bin doch kein Tier! Ich gehe doch nicht auf einen Gnadenhof!“, sagte er damals zu seiner Mutter. Heute kann er über diesen Satz lachen.

Während eines Klinikaufenthalts wegen seiner Depressionen ging er in die Krankenhauskapelle und betete: „Gott, wenn du das unbedingt willst, dann rufe ich bei Teen Challenge an.“ Er machte einen staatlichen Entzug und meldete sich anschließend im Emsland.

Nicht zurück in das alte Leben

Die ersten Wochen auf dem Hof empfand Rainer als belastend. Die Männer leben in Doppelzimmern, sein erster Mitbewohner sei nachts häufig unruhig gewesen und im Zimmer umhergewandert. Dennoch merkte Rainer bald, wie wichtig die Gemeinschaft ist. Wenn das Suchtgefühl besonders stark ist, hilft es ihm, mit den anderen Bewohnern zu reden.

Die Bibel spielt für Daniel und Rainer eine zunehmend wichtige Rolle. Rainer beschäftigt sich gern mit Hiob, aber auch mit Noah, Jona und David. Ihre Geschichten zeigen ihm, dass Menschen scheitern – und dennoch bei Gott nicht endgültig verloren sind. „Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient“, sagt Rainer. „Und eine Chance auf Gnade.“

Wie es für Daniel und Rainer weitergeht, ist offen. Daniel möchte vielleicht in die Nachsorgeeinrichtung von Teen Challenge ziehen, die sich wenige Kilometer entfernt befindet. Er möchte seinen Führerschein zurückbekommen, irgendwann wieder arbeiten und für seine Familie sorgen.

Rainer denkt über einen Neuanfang nach – vielleicht im Westerwald, näher bei seinem Sohn, vielleicht aber auch im Emsland. Sicher ist für beide nur: Zurück in ihr altes Leben wollen sie nicht.

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Teen Challenge wurde 1958 von dem US-Pastor David Wilkerson gegründet. Er half in New York drogenabhängigen Jugendlichen, die Teil von Straßenbanden waren. Daraus entstand ein weltweites christliches Hilfs- und Rehabilitationswerk. Heute gibt es Teen-Challenge-Einrichtungen in verschiedenen Ländern. In Deutschland bestehen derzeit rund 15 Angebote – darunter betreute Wohnformen, Straßenarbeit, Teestuben, Beratungsstellen und Lebenshilfeeinrichtungen. Aus der ursprünglichen Teenagerarbeit ist im Laufe der Jahrzehnte vor allem Unterstützung für Erwachsene geworden; der Name Teen Challenge blieb erhalten.

Die Lebenshilfeeinrichtung im Emsland ist als eingetragener Verein eigenständig organisiert. Finanziert wird ihre Arbeit durch Spenden, kleinere Dienstleistungsaufträge sowie Eigenbeiträge der Klienten, die in der Regel durch Grundsicherungsgeld abgesichert sind.

Kontakt zu Teen Challenge Emsland e.V.
projekthof(AT)tc-emsland.de
Tel. 05939 1405
tc-emsland.de

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