Bericht zu Projekt:
Über der einladenden Wohnzimmer-Atmosphäre liegt Stille. Bei diesem Konzert wird Andi Weiss nicht mit erwartungsvoller Spannung und Bühnenapplaus empfangen. Die Zuhörerinnen und Zuhörer im Hospiz Luise sitzen gebeugt da, viele weinen, aber manchmal lacht man auch befreit – und das ist okay so: „Hier bin ich mitten im Leben“, sagt Andi Weiss.
Zwei Künstler und ein Herzensanliegen
Seit Jahrzehnten tritt der Sänger nicht nur auf Bühnen mit Menschen in Kontakt, sondern vor allem im persönlichen Gespräch als Logotherapeut. Das beeinflusst auch seine Konzerte: „Ich hatte schon lange ein Herzensanliegen für die Hecken-und-Zäune-Menschen.“ Auch sie würde er gern durch seine Konzerte ermutigen, aber sie kommen nur selten, weil sie nicht können oder sich nicht zugehörig fühlen. Seit einiger Zeit macht er sich deshalb auf den Weg in Hospize und hinter Gefängnistüren.
Auch Sefora Nelson liegen schon seit Beginn ihrer Arbeit als Musikerin die Menschen am Herzen, die Ermutigung besonders nötig haben. Während ihres Studiums in den USA singt sie in Gefängnissen, Altenheimen und im Rotlichtviertel, gründet zurück in Deutschland Sefora Benefiz für die von Spenden unterstützten Ermutigungskonzerte. Als sich die Arbeit auf diese Weise nicht weiter finanzieren lässt, kommt Sefora Nelson mit der Stiftung Christliche Medien (SCM) über ihr Herzensprojekt ins Gespräch. Der Funke springt über: Die Stiftung ist begeistert und übernimmt gerne Marketing und Spendenabwicklung, Sefora Nelson und Andi Weiss bringen die Ermutigungskonzerte dahin, wo sie dringend gebraucht werden.
Wenn Musik zur Seelsorge wird
Beide Künstler haben in ihrer jahrelangen Arbeit die Erfahrung gemacht, dass Menschen gesehen werden wollen und dass sie Begegnungen brauchen. „In den Beratungsgesprächen, die ich in den letzten 25 Jahren geführt habe, bekam ich viel Leid und Schmerz mit, der sich häufig hinter der Fassade versteckte. Es ist für mich zur Selbstverständlichkeit geworden, Menschen auf Augenhöhe zu begegnen“, sagt Andi Weiss. Gerade der Vers „Du bist ein Gott, der mich sieht“ sei dabei heilsam. Gottes therapeutischer Ansatz sei es, jeden Menschen zu sehen, in seinen Bemühungen, bei dem, was gelingt und wo er scheitert. Bei seinen Konzerten will Andi Weiss diesen Aspekt von Seelsorge vermitteln. Er schafft eine persönliche Atmosphäre, als würde sein Publikum ein Couch-Gespräch mit ihm führen.
Dass Begegnung ein Grundbedürfnis ist, erlebt Sefora Nelson bei ihren Auftritten vor Abgeordneten im Europa-Parlament genauso wie bei Bewohnerinnen und Mitarbeitern in Altenheimen. Gleichzeitig bräuchten manche Menschen diese Ermutigung mehr als andere, weil ihr Leiden eine Distanz schaffe. „Worüber ich spreche und welche Lieder ich singe, entscheidet sich oft erst am Tag des Konzerts“, erklärt sie. „Das hängt stark von den Zuhörerinnen und Zuhörern ab.“ Häufig gehe es um Psalm 23 und dass Gott uns im Tal des Todesschattens am nächsten ist.
Dass die Ermutigungskonzerte ihr Ziel erreichen, schwingt auch in den Rückmeldungen der Zuhörerinnen und Zuhörer mit. Nach Sefora Nelsons Konzert in der Pflege-Einrichtung Haus zum Fels fasst eine Mitarbeiterin zusammen: „Wie oft bin ich in meinem Leben durch ein finsteres Tal gegangen. Oder ich hatte Sorgen. Da haben die Lieder mich und mein Herz neu ermutigt.“ Auch bei Andi Weiss‘ Konzert in der Gefängniskapelle der JVA Straubing rührt die Begegnung mit Jesus als liebevollem Therapeuten viele der Insassen und Bediensteten zu Tränen. Sie erleben Wertschätzung und schöpfen neue Hoffnung.
Ein ganz normaler Auftritt?
Eigentlich laufe so ein Ermutigungskonzert genauso ab wie jeder andere Auftritt auch, erzählt Sefora Nelson. „Ich reise so an, dass wir drei Stunden vor Einlass damit beginnen können, Instrumente und Technik aufzubauen.“ In Altenheimen oder Hospizen müssten Stühle in größeren Abständen gestellt werden, damit auch Rollstühle durch die Gänge passen. Die Ermutigungskonzerte sind kürzer als ein normales Konzert. „In einem Altenheim geht maximal eine Stunde, im Gefängnis auch mal eineinhalb Stunden – aber nur mit Raucherpause!“, sagt Sefora Nelson. Gerade vor einem älteren Publikum muss sie anders auftreten als sonst: Deutlicher sprechen und singen, mehr Wiederholungen, größere Bewegungen. Die Konzerte bezeichnet sie liebevoll als „Kinderstunde für Große“.
Auch die Atmosphäre bei den Ermutigungskonzerten ist eine andere. Die Menschen sind unvoreingenommener, es braucht keinen Icebreaker zu Beginn und sie kommen nicht, weil sie unterhalten werden wollen. „Häufig wissen die Menschen nicht, wer ich bin – und das ist gut so!“ Sefora Nelson kann sich dadurch auf die Essenz ihrer Auftritte konzentrieren: das Ermutigen. Deswegen ist es ihr wichtig, dass die Konzerte nicht öffentlich sind, sondern den Zuhörerinnen und Zuhörern vor Ort vorbehalten, die es gerade nötig haben: „Die Menschen, für die ich singe, sollen sich fallen lassen können.“ Und auch nach dem Konzert nimmt sie sich Zeit für Gespräche und Begegnungen.
Ermutigung zum Weitergeben
Die Konzerte geben Sefora Nelson, Andi Weiss und ihren Teams das Gefühl, mit ihrer Arbeit ganz nah an Gottes Herzen zu sein. Trotzdem überwiegt nicht immer das Positive: „Wenn man normalerweise vor 100 Leuten spielt und bei den Ermutigungskonzerten manchmal nur 15 Menschen da sitzen, ist das schon ernüchternd“, gibt Sefora Nelson Einblick. „Da muss ich vertrauen, dass Gott trotzdem wirkt, auch wenn ich es nicht mitbekomme.“ Trotzdem fühlten sich diese Auftritte, manchmal auf der Straße oder in einem Secondhand-Laden, immer wieder an wie eine Meisterprüfung.
Im Gedächtnis geblieben ist ihr die Begegnung mit einem Mann bei einem Gefängniskonzert. Entmutigt betete er zu Gott: „Schick mir einen Engel.“ Als er Sefora Nelson ganz in Weiß auf der Bühne sah, bekam er neue Hoffnung.
Auch Andi Weiss hat in einem Hospiz in Hannover erlebt, dass die Ermutigungskonzerte wirken: „Beim Konzert fiel mir eine Frau auf, die immer wieder hereinkam und wieder ging. Später erzählte sie: ‚Die Lieder haben mir Kraft gegeben und damit bin ich ins Zimmer meines Mannes gegangen und habe die Kraft weitergegeben. Dann bin ich zurückgekommen und habe mir wieder etwas geholt.‘“
Regina Fischer ist Redaktionsassistentin bei JOYCE. Mehr dazu unter joyce-magazin.net
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